Dr. Frank Brodehl: „Die Formel für erfolgreichen Mathematikunterricht lautet: Intensiv am Anfang und differenziert am Ende“

    In der heutigen Landtagsdebatte zu den Bildungsthemen „Begabtenförderung“,  „Mathematikunterricht“ und „Stärkung des MINT-Unterrichts“ nimmt Dr. Frank Brodehl, bildungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, namentlich zum „Masterplan Mathematik“ der Bildungsministerin sowie zum Alternativantrag der AfD-Fraktion wie folgt Stellung:

    „Lassen Sie mich, gerade weil wir bereits viel zur Begabtenförderung und zur MINT-Förderung gehört haben, vor allem etwas zum Mathematikunterricht sagen: Vielen Dank auch von unserer Seite für den Bericht zur Weiterentwicklung des Mathematikunterrichts und für den Masterplan Mathematik; gerade Letzterer bietet eine wirklich fundierte Gesamtdarstellung des Mathematikunterrichts an unseren Schulen.

    Der Status quo wird differenziert dargestellt; in den Konsequenzen, in der Frage, wie kann Matheunterricht Schüler zu besseren Leistungen führen als bisher, bleibt er aber mager. Im Wesentlichen werden Verbesserungen in der Lehreraus- und -weiterbildung sowie zusätzliche Mathestunden in den Bereichen Grundschule und Gymnasium genannt. Beides findet ohne jede Frage unsere volle Unterstützung – eine Schwerpunktsetzung in einem Masterplan sollte allerdings anders aussehen.

    Im Antrag der Jamaika-Koalition wird dieser Aspekt aufgenommen; auch hier ist davon die Rede, bestimmte Schwerpunkte zu berücksichtigen. Soweit, so gut. Inhaltlich zeigt der Antrag allerdings wohl unfreiwillig auf, wie weit einige Kollegen dieses Hauses von der Schulwirklichkeit entfernt sind. Und das beginnt schon mit der Überschrift: ‚Spaß an Mathematik schaffen‘.

    Meine Damen und Herren, abgesehen davon, dass diese Überschrift anbiedernd kindisch ist, ist sie schlicht falsch: In der Schule geht es nicht darum, Spaß an irgendetwas zu haben. Spaß allein taugt nichts: Er geht genauso schnell, wie er gekommen ist. Wenn ich aber bereit bin, Kraft, Zeit und Anstrengung zu investieren, dann stellt sich in aller Regel ein Zufriedenheitsgefühlt über ein gelöstes Problem ein. Und im Wiederholungsfall oft sogar so etwas wie Freude. Das muss unser Ziel sein: Schülern Freude an der Mathematik zu vermitteln bzw. sie damit anzustecken.

    Und nur einmal in Klammern: Jedes Kokettieren damit, dass man ja schließlich auch selbst in Mathe seine Schwierigkeiten hatte, dass man in Mathe so viele Dinge lernen musste, die man dann nie mehr gebraucht hat usw. ist absolut fehl am Platze. Sowas mag witzig gemeint sein, aber es ist kein Vorbild – Klammer zu.

    Die Antragsteller fordern die Entwicklung spielerischer Konzepte zur Frühförderung. Frau Röttger, Frau Strehlau und Frau Klahn. Sie sprechen damit einen sehr wichtigen Aspekt an und zwar den, dass das Begreifen von Zahlen, Mengen und Aufgaben in der Tat mit Greifen zusammenhängt:

    • Kinder, die etwa nicht viele hundert Mal mittels Wasserbechern in der Badewanne gleich und ungleich hergestellt haben, werden später nur schwer ein Verständnis für Gleichungen entwickeln können.
    • Kinder, die nicht rückwärtslaufen können, werden Schwierigkeiten beim Subtrahieren haben.
    • Kinder, die Zahlen nicht mühelos zerlegen können, werden keine Zahlenprodukte in einem Bruch erkennen können.

    Werden diese grundlegenden Erfahrungen nicht nachgeholt, ist das Resultat, dass 23 Prozent aller Viertklässler laut der letzten TIMSS-Studie den Anschluss verloren haben.

    Und das wäre vermeidbar gewesen! Etwa durch Mathe-Intensivkurse, wie sie von einzelnen Förderzentren für Grundschüler durchgeführt werden: Auffällig leistungsschwache Zweitklässler durchlaufen hierbei für 4 Monate – getrennt von ihrer eigentlichen Klasse – in einer Kleingruppe von maximal 8 Schülern ein Aufbauprogramm, in dem in der Hauptsache eben die eben von mir angedeuteten Grundvoraussetzungen trainiert werden; man könnte auch von einer ‚nachgeholten Vorschulförderung‘ sprechen.

    Überall dort, wo diese Intensivkurse durchgeführt werden, ist er überaus erfolgreich. Wir benötigen also keine weiteren Konzepte zur Frühförderung, und das gleiche gilt auch für die von Jamaika beantragte Ausgangsdiagnostik. Beides ist längst vorhanden! Wir beantragen deshalb alternativ, dass das Modell der Intensivkurse flächendeckend angeboten wird.

    Die Jamaika-Antragsteller wünschen außerdem die ‚Berücksichtigung des Transfers aus Wissenschaft und Forschung in die Praxis‘. Auch hier gilt: Dieser findet statt, solange man ihn nur zulässt!

    Professor Olaf Köller vom Kieler IPN, der ja seinerzeit die Hamburger Expertenkommission geleitet hat und den man ja explizit um eine Lagebeurteilung des Matheunterrichts in Schleswig-Holstein gebeten hat, bringt eine ganz entscheidende Sache auf den Punkt: Er verweist auf die enormen Leistungsunterschiede zwischen Gemeinschaftsschülern und Gymnasiasten. Auf grundlegendem Niveau entspricht der Rückstand drei Jahre, auf erhöhtem Anforderungsniveau rund ein halbes Jahr.

    Noch einmal in Klammern: Die SPD hat ja in ihrem Ursprungsantrag explizit gefragt, ob es hier überhaupt grundsätzlich erhebliche Unterschiede zwischen Gymnasien und Gemeinschaftsschulen gäbe. Dass sich ausgerechnet die Einheitsschul-Verfechter trauen, diese Frage ernsthaft zu stellen, hat schon etwas Flagelantenhaftes – Klammer zu.

    Die Unterschiede sind also da und nicht nur das, sie sind erheblich – und zwar klar zum Nachteil der Gemeinschaftsschüler. Der Transfer, meine Damen und Herren, aus Jamaika, bestünde nun laut Prof. Köller darin, endlich wieder leistungshomogenere Klassen an Gemeinschaftsschulen zuzulassen, vor allem deshalb, um gerade die leistungsstärkeren Jugendlichen besser auf die Oberstufe oder die Berufsschule vorzubereiten.

    Genau dies haben vor einem Monat auch die Parteien abgelehnt, die heute vollmundig mehr Transfer aus der Wissenschaft in die Praxis beantragen.

    Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang abschließend noch etwas zu den besonders begabten und leistungsfähigen Schülern sagen: Wir werden dieser Gruppe nicht gerecht, wenn die Bildungsgänge weiterhin nach mehr Gleichheit streben. Vielmehr muss dem Leistungsprinzip wieder mehr Gewicht eingeräumt werden!  Wer auf Krampf oder wegen seiner Koalitionspartner versucht, beides zu haben, der wird zwar viele Konzepte entwickeln, die aber in ihrer Umsetzung allesamt höchstens Mittelmaß für alle bewirken werden.

    Meine Damen und Herren, wenn wir die Mathekompetenzen unserer Schüler wirklich stärken wollen, müssen Schwerpunkte benannt werden. Für uns sind dies

    1. a) ein flächendeckendes Angebot von Intensivförderung im Vorschul- und im Grundschulbereich und
    2. b) Lernen in Leistungsdifferenzierten Klassen und Kursen – besonders für Gemeinschaftsschüler, die bislang unter ihren Möglichkeiten gefordert werden.

    Das Gebot der Stunde lautet also: Intensiver am Anfang, differenzierter am Ende.

    Wenn Sie sich nicht mit der ‚Entwicklung immer neuer Konzepte‘ zufriedengeben wollen, dann bitte ich Sie um Überweisung sowohl des Jamaika-Antrags als auch unseres Alternativantrags in den Bildungsausschuss.“

    Weitere Informationen:

    • Alternativantrag der AfD „Mathematische Kompetenzen unserer Schüler durch frühzeitige und durch differenzierte Beschulung stärken“ (DS. 19/1551) vom 18. Juni 2019:

    http://www.landtag.ltsh.de/infothek/wahl19/drucks/01500/drucksache-19-01551.pdf

    • Jamaika-Antrag „Spaß an Mathematik schaffen – Stärkung von mathematischen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern “ (DS 19/1493) vom 2. April 2019:

    http://www.landtag.ltsh.de/infothek/wahl19/drucks/01400/drucksache-19-01453.pdf

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